Kolibriseele

Auftakt und Prolog

Für all jene, die sich in der heutigen

Gesellschaft verloren fühlen

Auftakt

»Als kleines Kind erzählte man mir, man könne Kolibris niemals fangen.

Ihr Herz würde stehenbleiben.

Seit diesem Tag hatte auch ich den Wunsch, dass mir das absolute Schicksal zwischen Freiheit oder Tod zuteilwerden könnte.

Allerdings verlor ich mich in einem unendlichen Gefängnis.

Bis jetzt.«

Samstag

Mein liebster Engel,

fürchtest du dich vor mir? Fürchtest du, dass ich dir all die weißen Federn herausreißen werde, die du dir so mühevoll angeklebt hast? Dein Abbild ist perfekt. Du hast es geschafft die wahren Engel zu übertrumpfen. Sie würden dich beneiden, so wie du es dir immer von ihnen gewünscht hast – wie du es dir von uns allen gewünscht hast. Sie wären geblendet und eingeschüchtert von deiner Präsenz. Blind.

In deiner Nähe wirkt man immer plump, war ein Schatten hinter deinen weiten Schwingen. Genau dort lief ich und wusste: Du würdest abheben, einem chagallblauen Himmel entgegen, bis zarte Wolken dich küssen. Und ich würde zusehen, wie du immer höher steigst um so tief zu fallen, dass deine Federn vom Wind davongetragen werden und du als einsamer, nackter Mensch zu Boden stürzt.

Ich würde sehen, denn ich bin nicht blind. Ich bin nun überall. Der Tod schenkt einem die Möglichkeit zu uneingeschränkter Ehrlichkeit.

Du erweckst in mir Ekel und Mitleid. Im gleichen Moment, in dem ich dich verurteile und verachte, plagt mich ein schlechtes Gewissen. Du bist bedauernswert. Vielleicht magst du alles haben, doch wir wissen beide, dass dir auf ewig das eine, das Glück fehlen wird; die seelische Befriedigung. Aber mach dir nichts daraus, wir sind uns nicht unähnlich. Ich leide mit dir. Auch ich konnte jene Befriedigung nicht finden, bin eine gescheiterte Persönlichkeit, strebte nach Erleuchtung!

Wollte auch fliegen, um jeden Preis den Mond umarmen. Meine Jagd führte mich durch Liebe, Literatur, archaische Schönheit, doch mein Herz wollte nicht schlagen, die Noblesse sollte sich mir niemals aufzeigen und meine Geschichten blieben ungelesen – vielleicht sind meine Zeilen aus diesem Grund so Möchtegern-poetisch? So schlecht, klischeehaft formuliert, wie alles, was meine Hand verließ? Aus Rache an ungesprochenen Worten?

Unsere inneren Dämonen ähneln sich.

Ich weiß, welches Vergehen du begangen hast. Ich war dicht bei dir. Das werde ich fortan immer sein. Du magst mich schon wenige Tage nach meinem Tod vergessen haben, hast dein perfektes Leben ohne Umschweife weitergeführt. Aber was hast du schon zu verlieren?

Du wirst niemals glücklich werden. Du wirst auf ewig eine Maske tragen. Menschen sind für dich nur Beiwerk, Werkzeuge zum Zweck. Doch du hast deine Rechnung ohne mich gemacht. Ich habe die Macht, dir deine Fassade zu rauben, dich bloßzustellen, sodass du endgültig deine eigene verdammende Prophezeiung erfüllen wirst.

 

In Liebe und Missbilligung,

H. Celeste

Ein Kommentar zu „Auftakt und Prolog

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


*