Defragmentierung Gescheitert

Ich habe mir fest vorgenommen, in meinem nächsten Leben mehr Spaß zu haben. Leider glaube ich nicht an Wiedergeburt.

Was für ein Pech.

 

Ich sitze in einem Auto. Grelle Bildschirme flimmern. Schreien mir den Sinn des Lebens entgegen. Da mir schon seit langem die Entscheidungsgabe entzogen wurde, bewege ich den Kopf nur unkoordiniert von einer Tafel zur nächsten.

Ein Teppich verschwommener Zerrbilder entsteht und wird von den sekundären Sinneszellen meiner Netzhaut zum Gehirn geleitet, das sich alle Mühe geben muss, die hunderttausend Eindrücke richtig zu verarbeiten. Wie ein Computer funktioniert es und speichert die halbnackten, idealen Frauen dort ab, wo eigentlich mein Selbstbewusstsein liegen sollte. Makellose Körper, Schminke und Photoshop verdrängen es.

Was für ein Pech.

Mittlerweile ist es für mich nur noch alltägliches Geschwafel, das ebenso an mir vorbeifliegt wie die braunen Betonklötze, die sich Häuser schimpfen und hin und wieder mit Glas und Stahl bestückt sind. Die meisten hat man in pragmatisch entstellter Eleganz nach dem Krieg zwischen kunstvollen alten Gebäuden errichtet, die nun in der Moderne verrotten. Mir ist es egal. Da, wo ich hinfahre, wird mir mein Aussehen zum ersten Mal nicht mehr wichtig sein, so unwichtig wie die Fassade der längst vergessenen Bauten vergangener Epochen.

Keines der Lieder im Radio scheint mich richtig zu erreichen. Keines der Lieder, das mal einmal Bedeutung für mich hatte, berührt mich mehr. Wozu ich einst nächtelang getanzt habe, versteift nun meine Muskeln

Was für ein Pech.

Es liegt nicht an mir. Ich würde gerne aus mir herausbrüllen, aber nach dem Aktion-Reaktions-Prinzip fehlt mir leider der Kräfteeinsatz. Die Bilder vor meinen Augen verschwimmen noch mehr, werden so grell, dass ich gezwungen bin, meine Augen zu schließen.

… Illusion.

Ich stehe wieder zwischen den Menschenmengen, sitze nicht mehr in dem stickigen Auto. Es nieselt und die Sonne ist bereits untergegangen. »Morgen werden wir wieder zurück in die Realität geworfen, gehen zurück zu unserem beschissenen Job, in den beschissenen Klassenraum, in ein beschissenes Leben. Aber nicht heute Abend. Heute Abend sind wir frei. Heute Abend leben wir gemeinsam. Ruft es laut mit mir: Freude!«. Ich reiße meine Hand in die Luft. »Freude« rufe ich. Meine Kehle schmilzt mit denen von Zehntausenden. Zusammenhalt der Fremden, Unbekannten, das höchste Glück der Welt.

Was für eine Freude.

Tränen der Euphorie laufen mir das Gesicht hinunter, während ich wild und unkoordiniert auf und abspringe. Ich schließe die Augen. Meine Brust schwillt an vor Erfüllung, bis sie platzt.

Sie platzt und hinterlässt erneut das Loch.

Als ich die Augen öffne, stehen wir an einer Schranke, inmitten der großen Stadt. Kaum einer scheint seinen Motor auszumachen. Die Abgase schlüpfen fröhlich aus dem Auspuff und verpesten damit die Luft, die wir schon längst nicht mehr so dringend zum Leben brauchen, wie den Konsum anderer Güter. Die Luft, unser Essen, ist verpestet von Chemikalien, die wir in uns aufsaugen wie Drogen, denn der Verbrauch lässt nicht nach.

Unsere unstillbare Gier wird es sein, die die Welt, wie wir sie kennen, zerstören wird.

Der Golfstrom versiegt, Permafrost schmilzt, Regenwälder werden heiter abgeholzt. Hoffentlich folgen auch bald die armen Länder unserem glorreichen Vorbild. Wie denn auch nicht? Mit freiem Handel wird es schon klappen. Reiche unterschreiben Verträge für die Reichen, beuten damit zum Wohle der Gleichrassigen diejenigen aus, die leiden und hungern.

Utilitarismus nennen sie es.

Der Zweck heilige ja doch die Mittel.

Was für ein Pech.

Ich langweile dich. Du, als gebildetes Individuum, hast das alles immerhin schon mehr als zweiundvierzig Mal gehört. Man hat es dir entgegen geschrien.

Nun hallt nur noch ein verschwommenes Echo. Abgekaute Themen. Zunächst entlocken sie dir ein trauriges Gesicht, dann den Wunsch, etwas zu ändern, dann die Erkenntnis, man sei nur einer unter Milliarden. Aussichtslos, was sollen wir schon machen? Kein Wunder, dass niemals eine Lösung gefunden wird.

Was für ein Pech.

Künstler, Schriftsteller und Philosophen. Kritisieren sie dies nicht schon seit Dekaden? Einst wünschte ich mir, ich wäre wie sie, doch hörte ich auf, mir selbst zuzuhören. Ließ all die Worte unausgesprochen. Es waren ohnehin nur leere Passagen einer leeren Seele. In Büchern mit Druck, Tintenklang, sucht man ohnehin nur Ablenkung oder auch die große Offenbarung, die man für einige Tage findet und dann ebenso vergisst und verdrängt, wie die Taubheit über das eigene Leben. Man redet sich ein, dass alles einmal besser wird. Dass es nur eine Phase sei, in der man sich befindet. Aber nur selten kommen die besseren Tage. Dann stirbt man.

Was für ein Pech.

In mir regt sich eine Erinnerung. Ich verkrampfe mich. Irgendwo, in einer anderen Zeit fährt das Auto über die Schranken, während ich auf der Spitze eines Berges stehe.

… Halluzination.

Neben mir ein Mann mit roten Augen. Mein gefallener Engel. Er packt mich, küsst mich ungestüm, sodass mir das Herz schier in der Brust zerbersten will. In meiner verschwommenen Realität habe ich schon lange mein Herz vergessen. Irgendwann lebt man sich auseinander, sagten sie. Oder auch nicht. Ich glaubte immer, es liegt daran, dass man nicht lieben kann, wenn man für sich selbst keine Liebe mehr spürt. Wenn man für den Liebsten nichts anderes empfindet als Schuld. Schuld, den unerreichbaren Willen der Gesellschaft nicht länger ausüben zu können.

Der Mann mit den roten Augen drängt mich nach hinten. Wir machen zwei kleine Schritte und stürzen in die Tiefe. Der freie Fall belebt meinen Geist und ich verspüre eine Freiheit, wie sie noch kein anderer Gefangener beim Ausbruch je gespürt hat.

Ehe wir auf den Boden stürzen, verlässt uns die Schwerkraft. Wir können fliegen. Ich spüre den Wind so deutlich auf meiner Haut, wie ich schon lange nichts mehr gespürt habe.

Was für eine Freude.

… Unbarmherzige Realität.

In der anderen Zeit krachen vor uns zwei Autos zusammen. Niemandem ist etwas passiert, nur der Sachschaden ist hoch. Die Fahrer schreien sich an. Einer von beiden kommt wohl nun zu spät, wahrscheinlich sogar beide. Ihnen ist es egal, dass es ihnen gut geht und dass nichts weiter passiert ist als eingedelltes Blech. Sie schätzen es nicht, überlebt zu haben.

Am Straßenrand tritt jemand aus Unachtsamkeit auf eine kleine Schnecke. Die gleiche Unachtsamkeit, wie auch die Unfallteilnehmer sie gezeigt haben. Das winzige Geschöpf, das es schaffte, Energie und Tatendrang zu vereinen, ohne dem eigenen Druck ausgesetzt zu sein, stirb.

Eiskalt. Von einer Sekunde zur anderen. Tick. Tock. Tod.

Was für ein Pech. Wir verlassen die Stadt und ich verlasse diese Zeit.

Die Sonne strahlt warm auf mein Gesicht und ich brülle vor Lachen. Meine Mutter kitzelt mich und hält mich davon ab, weiter den Küken nachzulaufen, die ich bis eben noch gejagt habe. Der Geruch frischer Gräser steigt mir in die Nase. Die weitläufigen Felder des Landes reichen bis zum Horizont. Auf ihnen wachsen Sonnenblumen. Hinter mir ein Bauernhof, von der Zivilisation abgeschnitten. Nirgendwo war ich bis jetzt glücklicher. Die Kartoffeln, die ich zu Mittag esse, schmecken besser als alles Andere und kommen aus dem Garten.

Was für eine Freude.

Jetzt fahre ich wieder aufs Land, aus der Stadt heraus. Doch es ist ein falsches Land. Kein Land der Freiheit, nur ein Fleck, den man noch nicht komplett zugebaut hat. Auch meine Mutter ist hier, sie jagt mich. Diesmal von ihr weg. Wir steigen aus. Sie packt mich vorsichtig am Arm. Man empfängt uns bereits. Eine Krankenschwester taxiert mich mit ihrem Blick. Von oben bis unten. Dann sieht sie hinunter auf ihr Klemmbrett. Sie verkündet laut meine Daten. Wer außer ihr weiß wohl sonst so gut über mich Bescheid? Soziale Medien? Großkonzerne? Es ist alles gesichert. Es ist alles bedrohlich.

Was für ein Pech.

Niemanden interessiert es. »Ihre Tochter hat also versucht sich umzubringen?«, fragt sie mit monotoner Stimme.

Natürlich. Was für ein Pech.

»Sie leidet also an Halluzinationen, wie bei einer Belastungsstörung? Darf man wissen, wie genau sich das äußerst?« Ich höre nicht mehr zu. Ich bin längst in den Weiten einer anderen Welt.

»Ich bin mir nicht ganz sicher. Bis jetzt konnte kein Arzt ihr Trauma genau definieren. Wir wissen nur, dass sie immer wieder abdriftet, aber nicht zum Zeitpunkt ihres Traumas. Angeblich ist sie dann eine Figur aus Büchern, oder erlebt Erinnerungen, als wären sie real. Sie befindet sich in Traumwelten, in denen sie sich glücklich fühlt.«

Als ich in das sterile Gebäude geführt werde, wird mir klar, dass ich hier gesund werden soll. Hier, wo alle krank sind. Ich, zwischen Essgestörten, Depressiven und Schizophrenen, die genauso wenig leben wollen wie ich vor einigen Tagen.

Was für ein Pech.

Ich habe mich umentschieden. Ich stelle sicher, dass meine Mutter weggefahren ist. Dann sammele ich all meine übrig gebliebene Kraft und stoße meinen von der Gesellschaft als »fett« angesehen und doch normalen Körper zur Seite, sodass die zierliche Krankenschwester ins Straucheln kommt. Sie lässt ihr Klemmbrett fallen.

Was für ein Pech.

Ich renne. Renne, bis mein Blut wie Säure durch den Körper brennt, irgendwo in den anliegenden Wald hinein. Die Zeit rennt uns davon. Ich war noch nie eine gute Sportlerin und bleibe zurück. Das einzig Positive ist, dass meine Haare schnell zu wachsen scheinen; in diesem Strudel, der mich mitreißt Jahr zu Jahr. Ich wollte schon immer lange Haare haben.

Es gibt immer weniger friedliche Rebellen. Man hat sie verstummen lassen und zu Hunden gemacht. Sie werden mit Massenproduktionen stillgeschaltet.

Uniformierung.

Diesmal sind wir es, die es vorantreiben, manipuliert nicht vom Staat, sondern von den Konzernen. Diejenigen, die zurückbleiben, schreien lauter denn je. Aber sie will keiner hören. Sie haben aufgehört zu demonstrieren. Manche randalieren.

Was für ein Pech.

Hätte ich die Chance gehabt, wäre ich auch auf die Straße gegangen und hätte meine eigene Meinung ausgedrückt. Die Möglichkeit hat sich nie ergeben.

Jetzt ist es ohnehin zu spät. Ich habe mich entschieden, es zu finden. Das Skalpell in der Welt, das irgendwann dazu fähig sein wird, mir Wut und Taubheit aus der Brust zu schneiden.

Dabei habe ich mich entschieden, dass es mir egal ist, ob ich sterbe oder nicht. Nur eines ist mir klar geworden: ich werde nicht wieder versuchen mich umzubringen. Eher steige ich ein Flugzeug. Fliege nach Afrika, grabe Brunnen, bis ich einfach umkippe.

Was für eine Freude.

Sollte ich das überleben, würde ich mich als nächstes vor einen Diktator stellen und ihm die Menschenrechte entgegen brüllen, in einer Sprache, die er nicht versteht.

Die Sprache der Vernunft.

Was für eine Freude.

Ich helfe Frauen in Indien, ihre Felder zu bestellen, bis meine Hände bluten und ich lächle. Leben von dem Geringstmöglichen. Freunde mich mit Straßenkünstlern, Fotografen an. Mit ihnen will ich der Welt ein neues Bild von Schönheit schaffen. Bis jetzt hatte ich Angst vor alledem, weil all das Schmerzen mit sich bringt. Hunger und den Tod. Weil es tabu ist und dennoch überall tagtäglich geschieht.

Aber ich habe die Angst vor dem Tod verloren. Mein nächster Schritt ist es, etwas zu erreichen. Niemand soll mehr sterben wie die Schnecke.

Egal, ob innerlich oder äußerlich.

Was für eine Freude.