Geschichte einer Marionette

Menschenmengen. Sie alle sitzen zusammengepfercht auf den Stühlen, klatschen ihre Hände zusammen, in tosendem Beifall, der wie das Rauschen des Meeres ist; ein fließender Teppich aus lautem Tosen. Die Lichter funkeln über die Manege hinweg, lassen das Publikum in einem dunstigen Schleier aus Farben und Silhouetten verschwimmen. Das Mädchen wird von all den Farben geblendet, die sich in ihre Iris zu brennen versuchen. An ihren Händen befinden sich Schnittstellen, kleine Narben, die von früheren, blutigen Verletzungen herrühren.

Ihr Haar ist von einem hellen Braun und wird von den Scheinwerfern beleuchtet, die auf sie gerichtet sind. Sie ruht in der Mitte der Manege, in einem schwarzen, wallenden Kleid. Ihr Arm wird in die Höhe gezogen, von einem der Fäden, die überall an ihrem Körper hängen. Erneut jault die Menge auf, schreit, applaudiert, als würde es keinen neuen Morgen geben.

Das Mädchen, die Marionette, wird herumgewirbelt in letztem Tanz. Das Gesicht ausdruckslos in eine Richtung gelenkt, geblendet von den Lichtern, taub von dem Applaus. Niemand hatte sie gefragt, ob sie dieses Leben wollte. Niemand fragte nach ihrem Herz, oder ob es überhaupt existierte. Niemand interessierte sich für die Wünsche in ihrem samtroten Traum der schwarz dunklen Nächte.

Jeder liebte sie, doch keiner vermochte es sie zu kennen. Sie alle glaubten, tanzen wäre das Einzige, wofür sie geschaffen war. In den Augen der Menge war sie genau wie alle anderen. Ein egoistisches Wesen, das nur die eigene Bühne kannte. So wie jeder von ihnen. Denn jeder der Zuschauer ist gleichermaßen gefangen, ebenso wie die Marionette, auf der eigenen Tribüne. Man kümmert sich um jene, die vielleicht in der ersten Reihe sitzen. Schenkt ihnen Blicke, Aufmerksamkeit. Doch was ist mit jenen, die ganz hinten ihre Sitze beanspruchen? Und was das aller Wichtigste ist: Wann schon denken die Zuschauer an diejenigen, die außerhalb der Show ihr Leben führen?

Der Preis um in die Show hinein zu kommen ist hoch, ebenso hoch wie der Preis der Seele. Und dennoch sind alle Zuschauer bereit ihn zu zahlen. Man gibt Tribute von Liebe. Arroganz. Einsamkeit. Freundschaft. Sehnsucht. Angst. Hoffnung. Glaube …

Die Zuschauer erheben sich von ihren Stühlen, für das große Finale. Sie ergötzen sich an dem Schweiß der Marionette, obgleich sie in Wahrheit an ihr vorbeisehen, als wäre sie aus Glas und in Gedanken bereits in ihrer eigenen Vorstellung sind. Ein einzelner Tropfen von glasklarer Flüssigkeit rinnt ihre Wangen herab. Er schleicht hinunter, dem Boden entgegen. Die Marionette verliert nur eine einzige Träne, doch niemand schien sie zu bemerken. Die Musik im Hintergrund wird lauter, in donnerndem Crescendo. In dem Moment, da sie abbricht und die Marionette verharrt, tropft die Träne zu Boden, schimmert noch kurz in den Farben des Regenbogens, durchbrochen von dem künstlichen Licht.

Die Vorstellung ist beendet. Das Mädchen sieht auf. Sie blickt in die ausdruckslosen Gesichter der Zuschauer, der Egoisten, der Oberflächlichkeit. In das Gesicht ihrer Welt. In ihr scheint mit einem Mal etwas zu Erwachen. Das Monster in ihrem Inneren. Ein Wunsch, eine Flamme. Sie richtet den Blick nach vorne, ehe sie den Arm hebt, ganz langsam, im Kampf gegen die Fäden, die sie in ihrer Manege gefangen halten. Die zierlichen Finger umschließen das Garn und reißen daran.

Mit einem Mal geht ein Raunen durch die Menge, während sie die Marionette dabei beobachtet, wie sie die Fäden abtrennt –  einen nach den anderen. Alte Wunden reißen wieder auf, doch das Blut ist ihr egal. Der Applaus weicht einer erdrückenden Stille. Ihre Glieder fühlen sich taub an, obgleich sie zuvor noch tanzen konnte. Langsam, alle Augen auf sich gerichtet, macht sie einen zaghaften Schritt nach vorne. Immer schneller schreitet sie voran, dem Rand der Manege entgegen. Die Lichter hören auf ihren Blick zu trüben und zum ersten Mal kann sie die Menge klar erkennen. Zum ersten Mal sieht sie selbst, was sich hinter den jubelnden Zuschauern verbirgt und sie blickt auf Menschen, die aus Holz geschnitzt sind, an deren Gliedern Fäden hängen.

Sie sieht sie an. Sie hebt die Hand um nach einem der Fäden zu greifen, doch hält sie inne und wendet sich ab. Dreht sich von allen Marionetten weg und schreitet durch den Gang. Der Ausgang des Zeltes liegt nur noch wenige Meter von ihr entfernt. Das klare Licht der Sonne verblendet das, was dahinter liegt. Doch das Mädchen hat keine Angst, denn sie weiß, dass dieses Licht nicht verschmutzt wurde, sondern rein und echt ist. Noch ehe die Sonne sie endgültig umschließen kann, wendet sie sich noch einmal um, fragt sich, ob sie nicht doch helfen soll, die anderen aus ihrem Gefängnis zu befreien, doch sie schüttelt kaum merklich den Kopf und verschwindet ins Licht.